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Der Sorbenturm

An sonnigen Tagen ist er ein beliebter Aussichtspunkt, der Sorbenturm hoch über den Dächern der Muldestadt Eilenburg.


Heute ist die herrliche Aussicht, die man von hoch oben auf das Tal der Mulde hat, sehr friedlich. Doch das war nicht immer so. 

Angespannt blickten die Wachposten Frieder und Kuno vor über 900 Jahren von hier oben über das Land. Immer wieder schweifte ihr Blick nach Osten. Jede Staubwolke, jedes Flimmern in der Luft erregte ihre Aufmerksamkeit. Dort jenseits der Mulde war nach ihrem damaligen Weltverständnis die Zivilisation zu Ende. Gefahr konnte drohen, Gefahr für die Ilburg, Gefahr für das Heilige Römische Reich. Gerade erst waren die Sorben unterworfen worden. Die Zeiten waren unruhig, durch Aufstände und Kriegszüge geprägt.
Ein ganzes System von Burgen und Wachtürmen, ein so genanntes Burgwartsystem zog sich an der strategisch wichtigen nord-östlichen Grenze des Landes an der Mulde entlang.

Doch die militärischen Posten Frieder und Kuno fühlten sich recht sicher auf der 961 erstmals urkundlich erwähnten Burg, die wohlweislich an der höchsten Stelle der Umgebung errichtet wurde. Sie wussten ein massives, etwa 20 Meter hohes Bauwerk um sich. Längst war es noch nicht allgemein üblich, Burgen aus Stein zu bauen. Unten am Fuß des Turmes erstreckten sich hölzerne Gebäude und Palisaden. Lediglich der an der höchsten Stelle des etwa 220 mal 150 Meter großen Plateaus errichtete Burgfried, auf dem sie Wache schoben, bestand aus locker gebrannten, grobkörnigen, weißen und gelben Backsteinen. Im 12. Jahrhundert war das eine absolut moderne Konstruktion, auf die die Besitzer der Burg wahrlich stolz sein konnten. Wohl nie zuvor ist im Sachsenland ein derartiger Turm erbaut worden.
Der mächtige Turm hat einen nahezu quadratischen Grundriss. Seine Mauern sind im Erdgeschoss imposante 1,60 m dick. Auch heute noch machen seine Fundamente einen tadellosen Eindruck.
Mit etwas Fantasie kann man sich heute noch das Leben und Treiben auf der alten Ilburg rund um den Sorbenturm vorstellen. Vier Stockwerke hoch ist der Turm einst gewesen. Der Eingang war damals im ersten Obergeschoss. Nur über lose angelehnte hölzerne Leitern konnte man in den Turm gelangen. So konnte im Ernstfall Verfolgern der Weg abgeschnitten werden. Die einzelnen Etagen wurden über Leitern oder Holztreppen miteinander verbunden.
Unten im Erdgeschoss, das fast 7 Meter hoch war, lagerten die Lebensmittelvorräte  und das Kriegsgerät. Das mittlere Stockwerk war ein bisschen gemütlicher. Hier gab es einen Kamin. Der 16 qm große Raum diente als Aufenthaltsraum und Zufluchtsstätte bei einer Belagerung. Im dritten Geschoss hielten sich die Wachhabenden auf, die auf der oberen Plattform Dienst zu tun hatten. Sicher war die Wehrplatte einst von einem Kranz breiter Zinnen umgeben, hinter denen sich die Wachposten gut verbergen konnten.
 
Doch schon einhundert Jahre später, im 13. Jahrhundert, änderte sich die strategische Lage. Die Bevölkerung der Stadt wuchs, Eilenburg breitete sich immer weiter aus. Auf der Südseite der Burg errichtete man zwei neue Wachtürme und der Sorbenturm verlor seine einst gewichtige strategische Bedeutung.

Mit der Zeit verfielen die Burg und mit Ihr auch der stolze Turm.

Es war im 19. Jahrhundert, als sich geschichtsbewusste Büger von Eilenburg an das ehrwürdige Wahrzeichen von einst erinnerten. Mit Hilfe von Sammlungen und Sponsoren wurde der Turm bereits 1863 wieder hergerichtet und Besuchern als Aussichtsturm zugänglich gemacht.  
Dieses Engagement setzt sich bis heute fort. Letztmalig wurde der Sorbenturm 1997/ 98 umfassend rekonstruiert.